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\begin{elementlit}
{Michael Hainz SJ}
{\autor{Michael \kapit{Hainz SJ}}\afiliacja{Hochschule für Philosophie, München}}
{Solidarität heißt: Strukturen der Sünde gemeinsam überwinden}
{Solidarität heißt: Strukturen der Sünde gemeinsam überwinden. 
Zur Aktualität der Soziallehre \eoln
    Johannes Pauls~II.}
{Solidarność oznacza: struktury grzechu razem pokonać. 
Aktualność nauczania społecznego Jana Pawła~II}

\index{Hainz, M.}
\index{Johannes Paul II|see{Jan Paweł II}}

\oDef{\oHainz}{Hainz}{Hainz, M.} 
\oDef{\oSchoonenberg}{Schoonenberg}{Schoonenberg, P.} 
\oDef{\oWeger}{Weger}{Weger, K.-H.} 
\oDef{\oEichinger}{Eichinger}{Eichinger, W.}
\oDef{\oSolle}{Sölle}{Sölle, D.}
\oDef{\oGutierrez}{Gutiérrez}{Gutiérrez, G.}
\oDef{\oBoff}{Boff}{Boff, L.}
\oDef{\oAldunate}{Aldunate}{Aldunate, J.} 
\oDef{\oArokiasamy}{Arokiasamy}{Arokiasamy, S.}
\oDef{\oZwange}{Zwänge}{Zwänge, M.H.}
\oDef{\oMugabe}{Mugabe}{Mugabe, R.}
\oDef{\oKagame}{Kagame}{Kagame, P.}
\oDef{\oKabila}{Kabila}{Kabila, J.}
\oDef{\oAlBashir}{Al-Bashir}{Al-Bashir, O.H.A.}

\ooDef{\ooJohannesPaulII}{Johannes}{Paul~II}{Jan Paweł II}

\renewcommand\Summary{Summary}%{Zusammenfassung}
\renewcommand\elementLit{Literatur}
\renewcommand\bibin{in:}
\renewcommand\bibtrans{Übers.}
\renewcommand\bibed{Hrsg.}
\renewcommand\bibpage{S.}
\renewcommand\bibpages{S.}
\renewcommand\bibvol{Bd.}
%\renewcommand\bibquleft{``}

\streszczenie{
Na przykladzie encykliki \textit{Sollicitudo rei socialis} autor 
pokazuje aktualność nauki społecznej papieża św. Jana Pawla~II.
Wielowymiarowa przepaść między Afryką subsaharyjską, a~najbogatszymi 
krajami świata jest dzisiaj nawet bardziej głęboka niż w~1987~r., 
dlatego tak ważna jest refleksja papieża nad przyczynami tych globalnych
różnic.
Szczególną rolę pełni jego pojęcie „struktury grzechu”, które tutaj jest 
przedstawione w~odniesieniu do wzorców konsumenckich w~krajach bogatych, 
do struktur władzy w~krajach biednych oraz do instytucji globalnych 
świata.
Zasada solidarności wskazuje na potrzebę przemiany umysłów i~instytucji, 
aby problem społeczny mógł zostać rozwiązany.
}{
    katolicka nauka społeczna ---
    struktury grzechu ---
    globalizacja ---
    \ios{Jan Paweł II}{} ---
    \textit{Sollicitudo rei socialis}
}

\foreignlanguage{german}{

Vor über 25 Jahren, datiert auf den 30. 
Dezember 1987, publik geworden erst Ende März 1988, veröffentlichte der am 
Barmherzigkeitssonntag 2014 heilg gesprochene Papst \ooJohannesPaulII{}{}. 
seine zweite Sozialenzyklika mit dem Titel \textit{Sollicitudo rei socialis} (SRS), 
zu deutsch „die soziale Sorge [der Kirche]“. 
Darin beschreibt er in einem ersten Schritt den “Graben” zwischen Nord und Süd, 
der sich, sichtbar an wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Indikatoren, 
in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten erheblich verbreitert habe.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~11--25.} 

Diese Tatsache der Spaltung der einen Welt besteht, mit gewissen Differenzierungen, 
bis heute fort. 
In den letzten Jahrzehnten hat sich insbesondere durch den Aufstieg von Schwellenländern 
(namentlich China, Indien, Brasilien) die mit der Bevölkerungszahl gewichtete, 
am Bruttosozialprodukt gemessene globale Ungleichheit zwar verringert,\footnote{
\cite{Berthold:WieUngleich}.} 
jedoch die Kluft zwischen Afrika südlich der Sahara, dem ärmsten Erdteil, 
und den Industrieländern weiter aufgetan: 
Die durchschnittliche Lebenserwartung in diesen afrikanischen Ländern stieg 
von 51 Jahren im Jahr 1987 auf lediglich 54,4 Jahre im Jahr 2011 --- 
je nach Land stark gebremst durch die Aids-Epidemie. 
Vergleichsweise auf sehr viel höherem Niveau liegt und kräftiger gestiegen 
ist die Lebenserwartung dagegen in Industrieländern: 
In den damals 46 fortgeschrittensten Gesellschaften konnten die Menschen 
bei Geburt auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 74 Jahren hoffen. 
25 Jahre später, im Jahr 2011, ist sie in den nun 47 Ländern 
„mit der höchsten Entwicklung“ um sechs Jahre auf durchschnittlich 80 Jahre gestiegen. 
Das heißt, die Lebenserwartung zwischen den ärmsten und reichsten Teilen der Welt 
unterscheidet sich um mehr rund 25 Jahre. 
Und dies bei gleicher Würde aller Menschen?

Diese Angaben aus den „Berichten über die menschliche Entwicklung“ 
des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP 1990 und 2011) 
lassen sich durch weitere Daten derselben Quellen ergänzen: 
1987 erzielten die Gesellschaften Afrikas südlich der Saharas ein reales 
Brutto-Inlandseinkommen pro Kopf (gemessen in Kaufkraftparitäten) 
in Höhe von durchschnittlich 990 \$ pro Kopf und Jahr, was lediglich 6,9 Prozent 
des Vergleichseinkommens von 14.260 \$ in den 46 Ländern mit „hoher menschlicher 
Entwicklung“ ausmachte. 
2011 hat sich diese Einkommensdifferenz noch weiter verschärft, weil die genannten 
afrikanischen Länder mit durchschnittlich 1966 \$ pro Kopf und Jahr nur noch 
5,9 Prozent des vergleichbaren kaufkraftbereinigten Bruttoinlandseinkommens 
der 47 höchst entwickelten Länder (33.352 \$) erzielen. 
Mit dieser Steigerung der durchschnittliche Kaufkraft --- Verteilungsfragen sind 
dabei ausgeklammert --- können natürlich Grundbedürfnisse prinzipiell besser 
befriedigt werden, und es sind unbestreitbare Entwicklungserfolge je nach Land 
und Feldern der Entwicklung (Gesundheit, Bildung, Technik, Infrastruktur, Wirtschaft 
und Politik) zu verzeichnen. 
Trotzdem lässt die gegenwärtige Diskrepanz der durchschnittlichen Schuldauer 
als Vorausindikator mittelfristiger Entwicklung --- 4,5 Jahre in Ländern Afrikas südlich 
der Sahara gegenüber 11,3 Jahren in den 47 höchst entwickelten Ländern (UNDP 2011) --- 
erwarten, dass sich die riesige Kluft zwischen Nord und Süd auch in absehbarer Zeit 
kaum oder wenn, dann nur sehr, sehr mühsam verringern lassen wird.

Nach seiner Beschreibung des Entwicklungsabstands zwischen Nord und Süd geht 
\textit{Sollicitudo rei socialis} zu dessen Deutung und Analyse über: 
Die Enzyklika führt aus, dass die “wechselseitige Abhängigkeit” zwischen 
den meisten Nationen, weil von ethischen Forderungen losgekoppelt, 
zu einer millionenfachen, „unerträglichen Last des Elends“ 
und zu Phänomenen der Unterentwicklung führte, die, 
wie Wohnungslosigkeit und Arbeitslosigkeit, auch industrialisierte Länder beträfen. 
Als Ursachen für die Verschlechterung der Lage benennt die Enzyklika 
drei Arten von Faktoren: 
„schwerwiegende Unterlassungen der Entwicklungsländer selbst“, 
ungenügende Hilfen der Industrieländer und das Bestehen 
„wirtschaftlicher, finanzieller und sozialer Mechanismen […], 
die, obgleich vom Willen des Menschen gelenkt, doch fast automatisch wirken, 
wobei sie die Situation des Reichtums der einen und die Armut der anderen 
verfestigen“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~16.} 

Auf einer grundlegenderen, theologischen Ebene deutet \ooJohannesPaulII{}{}. 
diese --- unten noch weiter konkretisierten --- Ursachen als 
“\textit{Strukturen der Sünde}”.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~36.} 
Er meint damit „Mechanismen“ einer unsolidarischen Welt, die in persönlichen 
Verhaltensweisen (vor allem “Gier nach Profit” und “Verlangen nach Macht” 
um jeden Preis), also in persönlichen Sünden, ihre Wurzeln gehabt haben, 
und sich dann zu gesellschaftlichen bzw. globalen Strukturen verfestigt haben. 
Mit Hilfe europäischer Theologen (Piet \oSchoonenberg, Karl-Heinz \oWeger, 
Werner \oEichinger, Dorothee \oSolle), der Theologie der Befreiung in Lateinamerika 
und Asien (Gustavo \oGutierrez, Leonardo \oBoff, José \oAldunate{} SJ, 
Soosai \oArokiasamy{} SJ) und des Kirchlichen Lehramtes (\textit{Gaudium et spes}, 
\textit{Medellín und Publa}, \textit{De iustitia in mundo}, \textit{Libertatis  conscientiae}) 
kann man, Werner \oEichinger{}  folgend 
,,den konzepturellen Gesamtzusammenhang der >>Strukturen der Sünde<< 
bzw. >>strukturgewordenen Sünde<<“\footnote{
Sic!, \cite{Eichinger:Strukturen}, s.~121.} 
produktiv und kritisch weitergedacht so verstehen: 

\cytuj{
Zwischen persönlichen Sünden und Strukturen der Sünde besteht ein dialektisches 
Verhältnis: Persönliche Sünden kondensieren in Strukturen der Sünden; 
diese sind also nicht >>naturgegeben<<, sondern in ihrem Ursprung Gegenstand 
menschlicher Verantwortung. 
Zugleich situieren sie [durch Internalisierung oder äußere 
Zwänge, M.H.\index{Zwänge, M.H.}] 
die einzelnen Menschen in einen Raum der Gandenlosigkeit, der zu persönlicher 
Sünde disponiert und schon vor jeder persönlicher Stellungnahme in einen 
Schuldzusammenhang verstrickt. 
\textit{Besonders} prägnant sind die Strukturen im sogenannten Nord-Süd-Konflikt, 
wo die Unterentwicklung der einen und die Fehlentwicklung der anderen 
zwei Seiten eines strukturellen Zusammenhangs sind. 
Für eine Befreiung von den Strukturen der Sünde ist eine individuelle Bekehrung 
nicht hinreichend: Notwendig ist eine Veränderung der Strukturen. 
Diese allerdings muss von einer >>Umkehr der Herzen<< begleitet werden, 
wenn nicht die veränderten Strukturen abermals Kondensate von Sünde 
werden sollen. 
Die Veränderung der Strukturen kann der individuellen Bekehrung nicht 
einfach nachfolgen, weil diese selbst strukturell behindert wird.\footnote{
\cite{Eichinger:Strukturen}, s.~129 f.}
}

An drei Beispielen seien die Existenz und Wirkungsweise von Strukturen der Sünde 
veranschaulicht: Ein erstes Exempel sind Konsummuster, die extern (z.B. durch 
peer-groups oder Werbung) mit entsprechender Bedeutung aufgeladen und, 
internalisiert, Reize des Haben- oder Erlebenwollens hervorrufend, Menschen dazu 
verführen, sich „selbstverständlich“, also weitgehend unbewusst materielle oder 
immaterielle Güter anzueignen. 
Das heißt, sie denken nicht groß darüber nach, ob dies  
“zur Reifung und zur Bereicherung“ ihrer „Seins”\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~28.} 
hilft und welche Auswirkungen dies gegebenenfalls auf andere Menschen 
in nah und fern oder die Ökologie hat. 
Haben Menschen, die sich häufig neue Kleidung kaufen, im Blick, dass beispielsweise 
der Anbau von Baumwolle sehr viel Wasser (3.600--26.900 m$^{3}$  Wasser pro 
Tonne Baumwolle), Pestizide und Düngemittel verbraucht? 
Etwa 25 Prozent des weltweiten Insektizidmarktes und etwa 10 Prozent 
des Pestizidmarktes entfallen auf den Baumwollanbau.\footnote{
{http://www.umweltbundesamt.de/nachhaltige-produktion-anlagensicherheit/
nachhaltige-produktion/ textilindustrie.htm} } 
Bedenken Menschen, die täglich Fleisch essen, dass die Produktion eines Kilogramms 
Rindfleischs Gase mit einer Treibhauswirkung freisetzt, die der von etwa 36 Kilogramm 
Kohlendioxid entspricht\footnote{
Nationales Forschungsinstitut für Landwirtschaft in Japan: {http://www.spiegel.de/ wissenschaft/ natur/ klimabilanz-ein-kilo-fleisch-verursacht-36-kilogramm-kohlendioxid-a-495414.html}, Spiegel-Online 19.07.2007.} 
und, im weltweiten Durchschnitt berechnet, 15.415 Liter Wasser verbraucht.\footnote{
Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V. {http://www.virtuelles-wasser/
fleischde!}} 
Ein derartig „übertriebener“ westlicher Lebensstil, der eher vom „Haben“ als vom „Sein“ 
bestimmt ist und „auf die Qualität und Rangordnung der Güter, die man besitzt, 
keine Rücksicht nimmt“\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~28.}, 
schlägt sich \textit{summa summarum} in einer extrem ungleich globalen 
Ökobilanz nieder: Ein Deutscher stößt durchschnittlich 10 Tonnen CO$_{2}$-Emissionen 
pro Jahr in die Atmosphäre aus, während ein Afrikaner südlich der Sahara derzeit nur 
den Bruchteil einer Tonne pro Kopf dieses klimaschädlichen Gases absondert.\footnote{
Globale Trends 2012, Daten von 2007.}  
Nicht zu übersehen ist freilich, dass die CO$_{2}$-Emissionen von China 
und anderen Schwellenländer derzeit mit alamierend hohen Steigerungsraten 
nach oben schnellen.

Strukturen der Sünde existieren auch in Entwicklungsländern selbst: 
\textit{Sollicitudo rei socialis} lenkt die Aufmerksamkeit auf wirtschaftlichen 
und politische Machthaber\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~16.} 
und „insbesondere“ auf „ungerechte“ politische Institutionen, nämlich „korrupte, 
diktatorische und autoritäre Regime“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~44.} 
Man denke nur an den seit 1980 regierenden Diktator Robert \oMugabe{} 
in Simbabwe oder an die undurchsichtigen und brutalen Macht- und Ränkespiele 
von Paul \oKagame{} in Ruanda, von Joseph \oKabila{} im Kongo oder von 
Omar Hassan Ahmad \oAlBashir{} im Sudan. 
In derart autokratisch und entwicklungsfeindlich regierten Staaten des Südens 
geht es, wie die Enzyklika fordert, in der Tat darum, die „Gesundheit“ der 
„politischen Gemeinschaft“ wiederherzustellen, indem „\textit{demokratische 
Ordnungen der Mitbeteiligung}“ installiert weden, die sich ausdrücken „in der freien 
und verantwortlichen Teilnahme aller Bürger am öffentlichen Leben, in der 
Rechtssicherheit sowie in der Achtung und Förderung der Menschenrechte“. 
Auch heute gilt: Ein solcher Prozess ist die „\textit{notwendige Bedingung und 
sichere Garantie} der Entwicklung >>jedes Menschen und aller Menschen<<“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~44. Hervorhebung im Original.} 

Komplexere Beispiele von Strukturen der Sünde spricht \ooJohannesPaulII{}{}. 
mit Blick auf die ungleiche Machtverteilung in internationalen Institutionen an: 
Maßnahmen und Regelungen der europäischen und internationalen Agrarpolitik, 
des globalen Informationssystems, des Welthandels, des Weltfinanzsytems und 
des Weltklimaregimes beruhen maßgeblich auf der Verhandlungsmacht  der 
wirtschaftlich stärksten Staaten --- „dem Verlangen nach Macht um jeden Preis, 
mit der Absicht, anderen eigenen Willen aufzuzwingen“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~37.} 
Doch ihre krisenhaften Folgen schlagen auch auf Entwicklungsländer durch, 
die sich grosso modo dagegen weder wirksam politisch wehren können noch 
die oft sehr zerstörerischen Nebenfolgen der aufdiktierten Strukturbedingungen 
wirtschaftlich abfedern können: wenn ihre Nahrungsproduktion aufgrund der von 
der EU subventionierten Nahrungsmittelimporte unrentabel wird; wenn der Export 
von Halb- und Fertigprodukten an den nach Fertigungsstufen gestaffelten 
Handelsbarrieren der Industrieländer scheitert; wenn aufgrund von Klimafolgen 
Vegationsrhythmen unberechenbarer werden und sich Versteppung ausbreitet; 
wenn auch mit „nördlicher“ Beteiligung Milizen finanziert werden, die, wie im Kongo, 
begehrte Bodenschätze zugunsten auch der Verbraucher in reichen Ländern ausrauben 
und dabei Spuren unfassbarer Gewalt (Vergewaltigung, Kindersoldaten, Brandschatzung, 
Vertreibung) hinterlassen. 

Gibt es Auswege aus diesen globalen Krisenzusammenhängen, in die wir, 
jeder und jede Einzelne auch von „uns“, ob wir wollen oder nicht, unweigerlich 
verstrickt sind? 
Stellen wir die Frage anders: \textit{Wollen} wir Auswege suchen und beschreiten? 
\textit{Wollen wir anders leben}? 
\textit{Wollen wir uns politisch einmischen}, so dass andere Menschen --- 
auch in Afrika südlich der Sahara und Angehörige künftiger Generationen --- 
besser leben oder zumindest überleben können? 
An welchen Stellschrauben wollen wir „drehen“, und wie viel sind wir bereit, 
dafür einzusetzen? 
Und mit welchen Koalitionspartnern (auch jenseits der uns weltanschaulich nahe 
Stehenden) wollen wir uns zusammentun, um Bündnisse gegen Strukturen der 
Sünde zu schmieden? 

Nicht weniger als eine “Umkehr”, eine Änderungen von „Grundhaltungen“ 
und daraus folgenden Taten, sei nötig, schrieb \ooJohannesPaulII{}{}. 
in seiner Enzyklika \textit{Sollicitudo rei socialis}\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~38.} 
1987. 
Sie bestehe darin, so der Papst, die bestehende “gegenseitige Abhängigkeit 
zwischen Menschen und Nationen” als “moralische Kategorie” anzuerkennen 
und mit einer nicht nur moralischen, sondern auch sozialen, sagen wir: 
sozial-strukturell relevanten Haltung der “Solidarität” zu beantworten.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~38--40.} 
Solidarität ist, so der Papst, 
\cytuj{
nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden 
so vieler Menschen nah oder fern. 
Im Gegenteil, sie ist die \textit{feste und die beständige Entschlossenheit}, sich für 
das >>Gemeinwohl<< einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, 
weil wir alle \textit{für alle} verantwortlich sind. 
Eine solche Entschlossenheit gründet in der festen Überzeugung, dass gerade jener 
Gier nach Profit und jener Durst nach Macht es sind [...], die die volle Entwicklung 
verhindern.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~38. Hervorhebung, auch im Folgenden, im Original} 
}

Denselben Maßstab der Solidarität, der für zwischenmenschliche und innergesellschaftliche 
Belange gilt, legt der Papst auch an die internationalen Beziehungen an: 
\cytuj{
Indem die stärkeren und reicheren Nationen \textit{jeglichen Imperialismus} 
und alle Absichten, die \textit{eigene Hegemonie} zu bewahren, überwinden, 
müssen sie sich für die anderen moralisch verantwortlich fühlen, bis ein 
\textit{wirklich internationales System} geschaffen ist, das sich auf die Grundlage 
der Gleichheit aller Völker und auf die notwendige Achtung ihrer legitimen 
Unterschiede stützt.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~39.} 
}

\ooJohannesPaulII{}{}. verknüpft solidarisches Handeln mit einer irdischen Regel 
und einer himmlichen Vision: 
\cytuj{
Die Solidarität hilft uns, den >>anderen<< --- Person, Volk oder Nation --- 
nicht als irgendein Mittel zu sehen, dessen Arbeitsfähigkeit und Körperkraft man 
zu niedrigen Kosten ausbeutet und den man, wenn man ihn nicht mehr braucht, 
fallenlässt, sondern als einen >>Gleichen’<< einen >>Helfer<< (vgl. Gen 2,18.20), 
einen Mitmenschen also, den wir befähigen sollen, so wie wir am Festmahl 
des Lebens teilzunehmen, zu dem alle Menschen von Gott in gleicher Weise 
eingeladen sind. [...] 
Auf solche Weise wird Solidarität, wie wir sie vorschlagen, der \textit{Weg zum 
Frieden und zugleich zur Entwicklung}.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~39, alle Hervorhebungen im Original.} 
} 

Ja, in der Tat: „Die Solidarität ist zweifellos eine christliche Tugend“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~40.} 
Doch ist sie in zweierlei Hinsicht mehr als das: 
Sie ist, wie angedeutet, keine bloß individualethische Kategorie, wie der Begriff 
„Tugend“ nahe legen könnte, sondern ein sozialethisches Prinzip, das --- mühsam 
in die Wirkungsweise von Institutionen „eingebaut“ --- auf die Gleichheit des 
Menschseins aller abzielt. 
Und Solidarität reicht, wie schon die Geschichte dieses Begriffs belegt, über eine 
binnenkirchliche und -christliche Reichweite weit hinaus: 
Solidarität hat mit dem Gemeinwohl, hier: mit dem „universalen Gemeinwohl“ 
(\textit{Pacem et terris}\footnote{
\cite{JohannesXXIII:Pacem}, Nr.~100.}, 
bzw. dem „Gemeinwohl des Menschengeschlechts“\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~22.}) 
zu tun, mit dem „Wohl aller oder eines jeden“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~38.} 
Das Zweite Vatikanische Konzil hat in \textit{Gaudium et spes} 
„Gemeinwohl“ als die „Gesamtheit jener Bedingungen gesellschaftlichen“, 
ja globalen „Lebens“ definiert, „die sowohl den Gruppen als deren einzelnen 
Gliedern die vollere und leichtere Erreichung der eigenen Vollendung 
ermöglichen“.\footnote{
\cite{DasZweite:Gaudium}, Nr.~26.} 

Die für den Aufbau des Weltgemeinwohls nötige Solidarität braucht als Akteure 
und „Mit-Umkehrer“ die Beteiligung aller „Menschen guten Willens“, 
aller zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, staatlichen 
und überstaatlichen Akteure. 
Und die geforderte Solidarität hat als Adressaten --- und Mitwirkende! --- vorrangig 
die Armen und auf vielfältige Weise Ausgeschlossenen einzubeziehen. 
Dies entspricht der von \ooJohannesPaulII{}{}. in \textit{Sollicitudo rei socialis} 
aus der Befreiungstheologie übernommenen und damit nun fest im Kanon 
der katholischen Soziallehre verankerten „\textit{Option und vorrangigen Liebe 
für die Armen}“.\footnote{
\cite{JohannesPaul:Sollicitudo}, Nr.~42.} 
Im Sinne des neueren Befähigungs- und Empowerment-Ansatzes, ja bereits 
der Dokumente von \textit{Medellín} (1968) und \textit{Puebla} (1979) 
wird man diese Option heute als eine „Option für die Armen und \textit{mit} 
den Armen“ benennen müssen. 
Ob Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, auch ein globales System, 
dieser Option entsprechen, lässt sich mit den Leitfragen des Wirtschaftshirtenbriefs 
„Economic Justice for All“ der US-amerikanischen Bischofskonferenz von 1986 danach 
beurteilen, was die getroffenen (oder nicht getroffenen) Entscheidungen 
„für die Armen leisten, was sie ihnen antun, und welche Eigeninitiative sie 
ihnen ermöglichen“.\footnote{
\cite{UnitedStates:Pastoral}, Nr.~24. } 
Die Fragen sind klar gestellt, grundlegende Antworten stehen noch aus. 

}% german
\summary{
\emph{The Meaning of Solidarity: Overcoming the Structures of Sin Together.
The Relevance Today of the Social Teaching of \textsc{John Paul~II}}

Taking the example of the encyclical letter “Sollicitudo rei socialis”,
the author demonstrates the ongoing relevance of the social teaching of
the Pope \textsc{John Paul~II}. First the multifaceted gap between sub-Saharan
Africa and the most affluent countries of the world, which stands even
wider now than it was in 1987, is noted. Then the Pope's reflections on
the causes of these global differences --- especially his notion of “the
structures of sin” --- are elaborated with reference to consumption
patterns in rich countries, power structures in poor countries, and
global institutions. Finally, and in the light of this, it emerges that
a transformation of people’s hearts and of institutions --- one taking as
its model the principle of solidarity --- is ever more urgently needed.
}{
Catholic social teaching ---
structures of sins ---
globalization ---
\textsc{John Paul~II} ---
\textit{Sollicitudo rei socialis}
}

\end{elementlit}

